Den Märchen auf der Spur – Teil 1: Die Bremer Stadtmusikanten


Märchen verlieren nie ihren Reiz – das zeigen nicht zuletzt die Filme, die in diesem und den letzten Jahren Besucher in die Kinos gelockt haben. Dabei zielten die Filme keineswegs nur auf ein Publikum an Kindern und Jugendlichen ab. Wen man auch fragt, zwei oder drei Märchen – meist aus der Sammlung der Brüder Grimm – kennt jeder, egal ob Kind oder Erwachsener. Was den meisten Märchen – mit wenigen Ausnahmen – gemein ist: Sie enthalten keine Angaben über Ort und Zeit des Geschehens. Doch das hält Märchenfans wie auch am Tourismus Interessierte nicht zurück, die Märchen in Deutschland zu verorten.

In meiner neuen Artikelreihe „Den Märchen auf der Spur“ beschäftige ich mich mit verschiedenen Märchen und den Orten, an denen sie angeblich geschehen sein sollen. Ich schicke gleich einmal vorweg: Es gibt Orte in Deutschland, von denen es heißt, dass sich dort das Schloss von Dornröschen oder der Turm von Rapunzel befinden sollen. Es gibt sogar reale Prinzessinnen und andere Adelige, die die Protagonisten der Märchen sein sollen. Dies lässt sich in vielen Fällen – egal welche Beweise es geben soll – als falsch erweisen, denn: Die Brüder Grimm haben in ihre Sammlung von Märchen auch eine Reihe von Erzählungen französischer Kunstmärchen aufgenommen (z.B. La belle au bois dormant – Dornröschen). Diese haben ihren Ursprung in Frankreich, nicht in Deutschland, können also auch nicht in Deutschland verortet werden.

Doch das Wichtigste an den Märchen: Sie regen die Fantasie an und laden zum Träumen ein. Daher werde ich nicht weiter hinterfragen, ob die Handlungsorte der Märchen wirklich real sein können, sondern lediglich Anregungen geben für all jene, die sich – eventuell mit Kindern – auf die Spur der Märchen begeben wollen. Beginnen will ich dabei jeweils mit einer kurzen eigenen Version des jeweiligen Märchens, gefolgt von Hinweisen zum Handlungsort des Märchens.

Die Bremer Stadtmusikanten

Ein Mann hatte einen Esel, der viele Jahre lang schwere Lasten für ihn getragen hatte. Doch der Esel wurde langsam alt und seine Kräfte ließen nach. Da überlegte sich der Mann, dass der Esel zu nichts mehr taugte, und er wollte ihn töten. Doch der Esel merkte, dass ihm Unheil drohte. Deshalb lief er eines Tages einfach davon. Er machte sich auf den Weg nach Bremen, denn er hatte gehört, dass dort Stadtmusikanten gesucht würden.

Als der Esel schon einige Zeit unterwegs war, sah er am Wegrand einen Jagdhund liegen. Der schnaufte schwer und schnappte nach Luft. „Was hast du denn?“, erkundigte sich der Esel. Da erzählte der Hund: „Ich bin schon alt und nicht mehr besonders schnell. Und weil ich bei der Jagd nicht mehr mithalten kann, wollte mein Herr mich erschlagen. Deshalb habe ich Reißaus genommen. Nun aber weiß ich gar nicht, wohin ich soll.“ Der Esel überlegte nicht lange. „Komm doch einfach mit mir“, forderte er den Hund auf. „Ich ziehe nach Bremen, um dort Stadtmusikant zu werden. Da können sie dich sicher auch brauchen.“ Der Hund fand die Idee prima, und so zogen die beiden bald gemeinsam weiter.

Es dauerte nicht lange, da begegneten die beiden Reisegefährten einer Katze, die am Wegrand saß. Die machte ein ganz rauriges Gesicht und jammerte vor sich hin. „Was fehlt dir denn?“, erkundigte sich der Hund besorgt. „Was mir fehlt, fragst du“, meinte die Katze. „Ein Dach über dem Kopf, ein warmer Ofen, an den ich mich kuscheln kann, ein gutes Zuhause. Nur weil ich alt werde und nicht mehr alle Mäuse erwische, wollte meine Herrin mich ertränken. Ich habe mich davongeschlichen. Doch nun sitze ich hier und habe nichts mehr außer meinem Leben.“ Der Esel nickte bedächtig. „Und ist es nicht anders ergangen. Komm doch mit nach Bremen. Wir wollen dort Stadtmusikanten werden. Du hast doch eine schöne Stimme. Da können sie dich sicher auch gut brauchen.“ Der Katze gefielt die Idee, und so schloss sie sich den beiden Reisenden an.

Ein wenig später kamen die drei Wanderer an einem Bauernhof vorbei. Da saß ein Hahn auf dem Misthaufen und kräht, so laut er nur konnte. „Was schreist du denn gar so laut?, fragte die Katze. „Da habe ich immer das Wetter richtig vorhergesagt. Und wie wird es einem gedankt? Morgen kommen Gäste. Da soll ich diesen zur Ehre in die Suppe wandern. Schon heute Abend will mir die Köchin den Kragen umdrehen. Drum krähe ich nun so lange und so laut wie ich noch kann.“ „Du Ärmster“, brummt der Hund. „Du kannst doch niCht einfach abwarten, bis man dich umbringt!“ Auch der Esel stimmte zu. „Komm mit uns. Wir ziehen nach Bremen und wollen Stadtmusikanten werden. Das ist auf jeden Fall besser, als hier auf den Tod zu warten.“ Der Hahn musste über das Angebot nicht lange nachdenken. Und so waren sie zu viert, als sie den Bauernhof verließen.

Der Weg nach Bremen war weit und an einem Tag war die Reise nicht zu schaffen. Als es Abend wurde, kamen die Tier an einen Wald. Dort wollten sie übernachten. Der Esel und der Hund suchten sich einen schönen Platz unter einem Baum. Die Katze kletterte auf einen der Äste. Der Hahn schließlich flog bis hinauf zum Wipfel, wo er den sichersten Platz hatte. Als er sich von dort oben kurz vor dem Einschlafen noch einmal umsah, sah er in der ferne ein kleines Licht. Sofort erzählte er das den anderen Tieren. Das Licht, so meinte er, müsste von einem Haus kommen. „Vielleicht ist es eine Herberge“, überlegte der Esel. „Oder ein gasthaus, in dem man uns etwas zu essen gibt“, fügte der Hund hinzu. „Das müssen wir herausfinden“, maunzte die Katze. Und schon machten sich dir Tiere auf den Weg, um zu erkunden, wo das Licht herkam.

Aber als sie das Haus erreichten, erkannten die vier Reisenden, dass es keine Herberge und kein gasthaus, sondern eine Räuberhaus war. Vorsichtig lugte der Esel zum Fenster hinein. „Da steht ein Tisch mit einem wahren Festmahl darauf“, flüsterte er den anderen zu. „Aber drum herum sitzt eine ganze Bande von Räubern.“ „Die müsste man verjagen“, knurrte der Hund leise.

Sofort fingen die Tiere an, sich zu beraten, wie man die Räuber am schnellsten aus dem Haus bekäme. Schnell hatten sie eine Idee: Der Esel stützte sich mit den Hufen auf das Fensterbrett, der Hund setzte sich auf seinen Rücken und die Katze kletterte auf den Rücken des Hundes. Ganz oben hinauf flog der Hahn. Dann fingen sie auf ein Zeichen plötzlich an, ihre Musik zu machen: Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn kräht – jeder so laut er nur vermochte. Dann stießen die Tiere das Fenster auf und sprangen schreiend und bellend, miauend und krähend in die Stube.

Die Räuber erschraken sehr vor dem schrecklichen Geschrei. Sie dachten sofort, das wären Gespenster, die ihr Haus heimsuchten, und flohen schnell hinaus in den Wald. Die Tiere aber freuten sich über den gelungenen Streich. Sie ließen sich nieder und aßen von dem köstlichen Festmahl. Als sie alle satt waren, löschten sie das Licht und legten sich nieder, um zu schlafen. Der Esel legte sich im Stall ins Stroh, der Hund hinter die Tür. Die Katze kuschelte sich an den warmen Ofen und der Hahn setzte sich auf einen Dachbalken. Undweil die Tiere von ihrer langen Wanderung recht müde waren, schliefen sie auch rasch ein.

Als Mitternacht vorüber war, sahen die Räuber aus der ferne, dass kein Licht mehr im Haus brannte. Da erklärte der Hauptmann: „Wir hätten uns nicht so erschrecken lassen sollen. Kommt, wir gehen zurück und untersuchen das Haus. Die Räuber schlichen näher und einer wurde abgesandt, ins Haus hineinzusehen. Er fand in der Wohnstube alles ganz ruhig vor und ging in die Küche, um dort Licht zu machen. Dort aber hielt er die glühenden Augen der Katze, die neben dem Ofen saß, für Kohlestücke. Er wollte daran einen Span entzünden, doch die Katze ließ sich das nciht gefallen. Sie sprang dem Räuber wütend ins Gesicht und kratzte ihn mit ihren scharfen Krallen. Der Räuber erschrak fürchterlich und wollte zur Hintertür hinaus flüchten. Doch dort lag der Hund. Der sprang sofort auf und biss den Räuber ins Bein. Als der Unhold am Stall vorbeitaumelte, bekam er vom Esel, der gerade aufgewacht war, einen kräftigen Tritt mit dem Huf. Und der Hahn auf dem Dachbalken fing lautstark an zu krähen.

Da rannte der Räuber, so schnell er konnte, zurück in den Wald. Seinem Hauptmann berichtete er mit zitternden Knien: „Im Haus hat mich eine gräßliche Hexe angegriffen. Die hat mir mit ihren Fingern das Gesicht zerkratzt. An der Tür hat mir ein Mann aufgelauert. der war mit einem Dolch bewaffnet und hat mir ins Bein gestochen. Beim Stall ging ein riesiges Ungeheuer auf mich los und hat mich verprügelt. Und stellt euch vor, auf dem Dach sitzt der Richter und schreit immer zu „Bringt mir den Dieb! bringt mir den Dieb!“

Da bekamen die Räuber so große Angst, dass sie weit weg flüchteten und nie wieder zum Räuberhaus zurückkehrten. Den vier Tieren aber gefiel es in dem Haus so gut, dass sie gar nicht mehr fort wollten. Sie blieben dort und ließen es sich zusammen gut ergehen.

Hier ist das Märchen zuhause: Bremen und Umgebung

Woher kommen die Stadtmusikanten? Natürlich aus Bremen. – Falsch gedacht! Liest man einmal genau, dann heißt es im Text ja nur, dass Esel, Hund, Katze und Hahn auf dem Weg nach Bremen waren. Die Stadt haben sie aber niemals erreicht. Daran haben sich die Bremer allerdings nicht gestört und ihren vier Helden mehr als nur ein Denkmal gesetzt. Das bekannteste steht seit 1951 an der Westseite des Rathauses. Geschaffen hat es der Bildhauer Gerhard Marcks. Die Vorderbeine des Esels und auch seine Schnauze sind immer blank poliert. Das liegt daran, dass man sich sagt, wer beide Vorderbeine gleichzeitig umfasst, ich etwas wünscht und dann noch die Schnauze streichelt, dessen Wunsch wird in Erfüllung gehen.

Für Gruppen holt die Stadt Bremen ihre Stadtmusikanten sozusagen sogar aus dem Wald. Esel Oskar, Benno der Hund, Winnifried die Katze und der Hahn Lorenzo führen Gruppen durch die Stadt und erklären diese aus einem recht tierischen Blickwinkel. Anmelden kann man sich für die Gruppenführungen auf der Website des Tourismusamtes der Stadt Bremen.

„Die Bremer Stadtmusikanten“ ist eines der wenigen Märchen, in denen explizit ein Ortsname genannt wird. Dafür gibt es tatsächlich einen geschichtlichen Hintergrund. Im Mittelalter gab es in Bremen bereits die Stadt- und Ratsmusikanten, die bei Festen in der Stadt spielten. Diese Musiker nahmen auch immer wieder reisende Musikanten in ihre Reihen auf.

Damit wäre aber noch nicht geklärt, woher die Stadtmusikanten nun eigentlich kamen bzw. wo ihre Reise ein Ende gefunden hat. Tatsächlich gibt es nicht nur einen, sondern gleich mehrere Orte, die für sich beanspruchen, Ausgangspunkte für die Reise eines oder mehrerer der Tiere gewesen zu sein.

Brakel

Brakel liegt rund 175 km südlich von Bremen. Bei einer durchschnittlichen Laufgeschwindigkeit hieße das, dass die Tiere rund 36 Stunden unterwegs sein mussten, um Bremen zu erreichen – eine Zeit, die durchaus dem Märchen entsprechen würde.

Einer langen Überlieferungstradition folgend, glauben die Brakeler, dass die Bremer Stadtmusikanten sich in ihrer Umgebung niedergelassen hätten. Das Räuberhaus, von dem im Märchen die Rede ist, solle zwischen Brakel und Bosseborn gestanden haben. Die Brakeler belegen dies nicht nur mit den mündlichen Überlieferungen einer sonst unbedeutenden Ansiedlung, sondern auch durch die Überlieferungsgeschichte des Märchens selbst. Detailreiche Informationen dazu finden sich auf der Website von Brakel. Ein Gedenkstein und eine Silhouettendarstellung kennzeichnen heute den Ort, an dem das Räuberhaus sich befunden haben soll.

Stellichte

Das Dorf in der Lüneburger Heide nimmt für sich in Anspruch, Heimat des Esels gewesen zu sein, der als erster aufgebrochen ist, um Stadtmusikant in Bremen zu werden. Stellichte liegt knapp 60 km östlich von Bremen – und rund 160 km nördlich von Brakel. Wenn die Tiere also nicht völlig vom Weg abgekommen sind, zeigt dies schon, dass hier etwas nicht stimmen kann.

Der „Stadtmusikantenweg“, ein Radwanderweg, der 2008 eröffnet wurde, führt von Stellichte nach Kirchlinteln und zurück, vorbei an den angeblichen Ursprungsorten der vier Stadtmusiknten. Dabei soll die Obermühle in Stellichte, die schon vor 1392 erbaut worden sein soll und die der Startpunkt der Tour ist, ehemals das Heim des Esels gewesen sein. Die Radtour ist ca. 44 km lang und kann in ungefähr vier Stunden bewältigt werden. Der Landkreis Verden stellt die Tour in einem eigenen Flyer vor.

Visselhövede

Die Kleinstadt Visselhövede liegt am Rand der Lüneburger Heide, rund 60 km östlich von Bremen. Ihr Ortsteil Königshof soll Heimat des Hundes gewesen sein.

 

Fortsetzung folgt …

 

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3 Kommentare zu “Den Märchen auf der Spur – Teil 1: Die Bremer Stadtmusikanten

  1. Sehr spannendes Thema. Ich freue mich auf die weiteren Beiträge und werde mir als Märchenliebhaberin den ein oder anderen Ort als Ausflugsziel merken.

  2. Pingback: [Die Sonntagsleserin] März 2015 | Phantásienreisen

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