Rikos erster Winter


Brrr, ist das aber kalt! Riko streckt seine kleine Schnauze unter seinem buschigen Schwanz hervor. Gleich wird es ihm noch ein wenig kälter. Der Wind pfeift durch eine kleine Lücke in seinem Kobel.

Es ist Rikos erster Winter. Wie alle Eichhörnchen hatte Riko ganz deutlich gespürt, als der Herbst und der Winter nahten, und hatte alle Ritzen seines Kobels mit kleinen Ästchen und trockenem Gras verstopft. Aber irgendwie ist da nun doch ein kleines Loch in seinem Bau.

Riko wundert sich, warum er überhaupt wach ist. Eigentlich wollte er doch Winterruhe halten. Da knurrt plötzlich etwas ganz laut. Riko zuckt zusammen und späht vorsichtig durch die Lücke in seinem Kobel nach draußen. Da ist nichts. Aber nur Sekunden später hört Riko das Knurren wieder. Seltsam, das klingt fast so, als käme das Knurren direkt hier aus seinem Bau. Da spürt Riko, wie sich sein Magen zusammenzieht. Oh! Er hat wohl Hunger. Und zwar nicht gerade wenig!

Vorsichtig klettert Riko aus seinem Kobel und springt nach unten. Die Welt sieht plötzlich so ganz anders aus. Alles ist weiß. Das ist gar nicht gut. Auf dem Boden kann jeder Riko sofort erkennen. Doch trotzdem muss Riko jetzt hier unten herumlaufen. Er muss nämlich dringend Futter suchen.

‚Kein Problem‘, denkt sich Riko. Er ist ja schlau und hat im Herbst schon große Vorräte angelegt. Überall hat er sie vergraben, damit er im Winter schnell etwas zu fressen findet. Da drüben bei … oh, wo ist denn der kleine Baumstumpf hin? Der war doch vor Kurzem noch da.

Verwirrt schaut sich Riko um. Dieser dumme Schnee. Wie soll er denn da herausfinden, wo der Baumstumpf ist, an dem er ein paar leckere Eicheln versteckt hat? War das vielleicht dort drüben bei der kleinen Tanne? Riko springt durch den Schnee. Ganz schön anstrengend ist das. Neben dem Tännchen macht sich das Eichhörnchen an die Arbeit. Kräftig muss es buddeln, bis es endlich durch den Schnee hindurch zur Erde kommt. Und dann fleißig weitergraben.

Riko schaut sich wenig später zweifelnd das Loch an. So tief hinein hat er die Eicheln doch gar nicht vergraben. Ist er hier doch falsch? Riko probiert es ein Stückchen weiter noch einmal. Aber auch hier ist all die Mühe vergebens. Er findet einfach keine seiner Eicheln.

Etwas erschöpft schaut Riko sich wieder um. das ist ja nicht das einzige Versteck, das er angelegt hat. Dort drüben bei der Buche sollte es auch etwas zu knabbern geben. Riko hopst durch den Schnee auf den Baum zu.

Doch was ist das? Das darf doch gar nicht wahr sein! Da war ein Futterdieb am Werk. Rund um den Baum ist der Schnee aufgewühlt und mitten drin findet Riko jede Menge an schalen. Das waren doch seine Sämereien gewesen. Er hatte die da vergraben. Wie frech! Da hatte sich einfach ein anderes Tier genommen, was Riko gehörte. Traurig sieht Riko sich um. Der Dieb war sehr gründlich. Kein einziger Kern war mehr da.

Wieder einmal macht sich Rikos Magen bemerkbar. Er knurrt ganz laut und Riko bekommt fast schon Bauchschmerzen, so hungrig ist er. Irgendwo muss doch etwas zu finden sein!

Langsam läuft das Eichhörnchen herum und sucht überall. ‚Der Schnee ist wirklich doof‘, denkt es sich. ‚Da kann man gar nicht riechen, wo die Samen und Kerne versteckt sind.

Riko ist so mit Suchen beschäftigt, dass er das Tapsen erst hört, als es ganz dicht an ihn herankommt. Überrascht dreht Riko sich um … und erschrickt fast zu Tode. Vor ihm steht ein großer, dunkler Hund. Ob der ihn gesehen hat? Oh natürlich! Auf dem weißen Schnee ist Riko ja gar nicht getarnt! Erst hält Riko ganz still, obwohl ihm die Barthaare vor Angst zittern. Dann hält er es nicht mehr aus. Schnell dreht Riko sich um und saust los. das scheint dem Hund gerade recht zu sein. Laut bellend jagt er hinter Riko her. Riko versucht ein paar Haken zu schlagen, aber das ist im Schnee gar nicht leicht. Doch der Hund hat es genauso schwer. Er versinkt im Schnee und muss große Sprünge machen, um voran zu kommen. So schnell es geht, rast Riko auf einen Baum zu und dann den Stamm hinauf.

Der Hund bleibt kläffend unten stehen. Riko bringt sich erst einmal auf einem Ast in Sicherheit. Huch! War er das? Eine Ladung Schnee purzelt hinunter und erwischt den Hund genau am Kopf. Jetzt muss Riko fast ein wenig kichern. Das hat der Hund sicher verdient. ganz offensichtlich gefällt ihm das auch nicht. Denn er schüttelt sich kräftig und trabt dann schnaubend und niesend davon.

Riko atmet erst einmal tief durch, bis sein kleines Herz nicht mehr ganz so wild klopft. Den Hund ist er los. Aber ein Problem hat Riko immer noch: Kein Futter! Und als Riko ganz sehnsüchtig an eine kleine Nuss denkt, fällt doch plötzlich direkt vor ihm ein kleiner Samen herunter.

‚Wo kommt der denn her?‘, fragt sich Riko und verputzt ihn sofort. Mehr davon wäre gut. Riko guckt nach oben und sieht einen kleinen Vogel auf einem Ast über sich sitzen. Oh, der schien zu wissen, wo es etwas zu fressen gab. Während Riko noch überlegt, wie er dem Vogel sein Wissen entlocken könnte, setzt dieser plötzlich an und fliegt davon. Wie der Wind versucht Riko hinter dem Vogel her zu kommen. Er springt von einem Ast zum anderen und hat schon fast das Gefühl, er könnte selbst fliegen.

Wenig später erreicht Riko den Waldrand. Der Vogel fliegt weiter auf einige Häuser zu. Soll Riko sich das auch trauen? Aber da gibt es doch Menschen und Hunde und Autos – alle sehr gefährlich! Doch der Hunger treibt Riko voran. Vorsichtig springt er vom letzten Baum herunter. Einmal rechts geguckt, einmal links geguckt, dann nichts wie los. In riesigen Sprüngen hetzt Riko über das freie Feld vor ihm, bis er endlich wieder in einer Hecke Deckung findet.

Riko keucht heftig. Das war anstrengend und langsam verlassen ihn die Kräfte. Wenn er doch endlich Futter finden würde. Langsam steckt Riko die Nase aus der Hecke und sieht sich um. Vor ihm liegt ein Garten und dort kann er tatsächlich den Vogel sehen, dem er gefolgt ist. Er sitzt unter einem hölzernen Gestell und pickt auf der Erde herum.

‚Futter!‘, denkt sich Riko sofort und läuft gleich los. Doch der Vogel guckt schon ganz misstrauisch, als Riko sich nähert. Ein Schrittchen, zwei Schrittchen – und schon geht es los. Mit lautem Schreien flattert der Vogel um Riko herum und verteidigt sein Futter. Mit seinem kleinen Schnabel kann er ganz schön feste zwicken. Das wird Riko schnell zu viel. Rasch tritt das Eichhörnchen den Rückzug an. Und wie es scheint keinen Moment zu früh. Ein Mensch muss das Geschrei des Vogels gehört haben und erscheint bei dem Futterhäuschen.

„Habt ihr Vögel schon wieder alles runter geworfen?“, murmelt der Mensch. „Da braucht es euch nicht wundern, wenn andere auch etwas abhaben wollen.“ Riko beobachtet aus sicherer Entfernung, was der Mensch da treibt. Er hat einen kleinen Sack dabei, holt etwas heraus und legt es oben in das Futterhäuschen.

Riko schnuppert sehnsüchtig. Nüsse, Kerne, Samen – oh wie gern hätte er davon jetzt auch etwas! Da merkt er plötzlich, dass der Mensch ihn anstarrt. Huch! Riko hat ja ganz vergessen, sich wieder in der Hecke zu verkriechen. Ängstlich beobachtet das Eichhörnchen, wie der Mensch ein paar Schritte näher kommt. „Na, hast du auch Hunger?“, fragt der Mensch. Riko rührt sich nicht. Noch ist der Mensch weit genug weg. Riko kann immer noch abhauen. Doch der Mensch bleibt sehen und sieht ihn genau an. „Du bist ziemlich dürr. Hast du nicht genug Vorräte angelegt?“. Am liebsten würde Riko protestieren. Doch das würde der Mensch ja sowieso nicht verstehen. „Na, da wollen wir mal nicht so sein. Hier, das ist für dich.“ Der Mensch bückt sich langsam und lässt aus seiner Hand Nüsse und Kerne auf den Schnee rieseln. Riko läuft sofort das Wasser in seinem kleinen Mäulchen zusammen.

Kaum dreht sich der Mensch um und ist ein paar Schritte weg, hopst Riko auch schon vorsichtig näher. Ein wahres Festmahl erwartet ihn. Sofort knabbert er an der ersten Nuss herum. Jetzt gleich ganz viel ganz schnell fressen. Und den Rest muss Riko unbedingt mitnehmen. Genüsslich verspeist Riko das Futter. Dass der Mensch ihn aus der Entfernung beobachtet, stört ihn nicht sonderlich. Den Weg hierher muss Riko sich unbedingt merken. Wenn er das nächste Mal aus seinem Nickerchen aufwacht, wird er gleich hier nach Futter suchen.

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6 Kommentare zu “Rikos erster Winter

  1. Liebe Eva,
    super süße Geschichte, Danke!
    Zu uns in den Kindergarten kommt auch immer ein Eichhörnchen um sich an unserm am Voglehaus satt zu essen. Wenn das Eichhörnchen da ist, sind meine Kinder immer voll fasziniert und keiner wagt mehr zu sprechen, geschweige denn, sich zu bewegen. Alle beobachten das Eichhörnchen. Ein sehr ruhigers und irgenwie besinnliches Vergnügen.

    Liebe Grüße

    Feli

    • Super! Dann gibt’s in dem Vogelhaus garantiert immer genug Leckereien zu finden. Ihr könnt das Eichhörnchen ja mal zu mir rumschicken. Da lassen sich so selten welche blicken. Ich würde auch gern füttern. 🙂

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