Wo bleibt der Winter?


Seit Tagen steht Johannes am Morgen ganz freiwillig auf. Kaum dass seine Mutter ihn weckt, springt er schon aus dem Bett. „Zieh dir wenigstens Hausschuhe an“, ermahnt Mama ihn jedes Mal. Doch Johannes hat es eilig. Sofort springt er zum Fenster und schiebt den Vorhang zur Seite. Doch bis jetzt war er jeden Tag enttäuscht worden: Draußen war keine einzige Schneeflocke zu sehen.

Das ging nun schon seit Ende Oktober so. Johannes hatte einen Brief von seinem Patenonkel bekommen. Er hatte geschrieben, dass es bei ihm schon ein klein wenig geschneit hatte. Seit Johannes das gelesen hatte, wartete er sehnsüchtig darauf, auch endlich ein paar Flocken zu sehen. Doch Johannes Patenonkel wohnte in einem Dorf bei Garmisch-Patenkirchen ganz im Süden von Bayern. Dort schneite es immer viel früher als im Rest von Deutschland. Johannes hatte in Hannover weniger Glück. Da konnte es dauern, bis der erste Schnee kam.

„Wann schneit es denn endlich?“, quengelt Johannes heute beim Frühstück. „Das ist doch gemein, dass es bei Onkel Peter schon schneit und hier nicht.“

„Der Schnee kommt schon noch“, erklärt Johannes Vater. „Ich bin ganz froh, dass wir noch keinen Schnee haben. Immer dieses Schneeschippen. Das ist nur anstrengend und kostet Zeit.“

Johannes ist anderer Meinung. Er findet den Schnee herrlich. Wenn Papa Schnee schippt, ist er immer mit dabei und hilft mit seiner kleinen Schneeschaufel. Manchmal machen sie dann eine Schneeballschlacht. Hinterher gibt es auf jeden Fall immer heißen Kinderpunsch und Kekse.

Johannes kann sich gar nicht mehr erinnern, wann es im letzten Jahr zum ersten Mal geschneit hat. Aber das war auf jeden Fall früher. Da war Johannes noch im Kindergarten und alle Kinder hatten gemeinsam auf den Schnee gewartet, Winterlieder gesungen, Schneeflocken gebastelt. Seit September geht Johannes nun zur Schule. Er hat schon Zahlen und Buchstaben gelernt. Die Lehrerin ist sehr nett und weiß sehr viel. Aber über den Schnee wurde noch gar nicht gesprochen.

„Ich werde heute Frau Bürger fragen. Sie ist so richtig schlau. Vielleicht kann sie mir ja sagen, wann der Schnee kommt“, erklärt Johannes ernst, als er den letzten Rest seines Müslis wegputzt. Papa grinst nur. Aber Mama nickt: „Das ist sicher eine gute Idee. Du musst mir heute Mittag erzählen, was Frau Bürger dir erklärt hat. Jetzt aber flott: Nick wird gleich da sein.“

Johannes guckt schnell auf die Uhr. Oh ja, er muss sich beeilen. Er fährt immer gemeinsam mit Nick und seinem Vater zur Schule. Da sollte er schon pünktlich sein. Rasch trinkt er seinen Tee, dann schnappt er sich Jacke, Schuhe und Schultasche und springt schon zur Tür hinaus. Gerade rechtzeitig, denn schon hält das Auto von Nicks Vater vor der Tür.

– – –

„Johannes, bitte. … Johannes? … Johannes!“ Johannes schreckt auf und sieht Frau Bürger plötzlich direkt vor ihm stehen. „Schläfst du oder willst du heute nicht antworten?“, erkundigt sie sich. „Entschuldigung“, druckst Johannes herum. Er hat gar nicht mitbekommen, dass Frau Bürger ihn aufgerufen hat. Was war nur die Frage?

„Johannes, du bist schon seit ein paar Tagen so unkonzentriert. Stimmt was nicht?“, erkundigt sich Frau Bürger besorgt. Johannes schüttelt den Kopf, doch dann erinnert er sich wieder, dass er Frau Bürger doch wegen des Schnees fragen wollte. „Also ganz ehrlich: Ich frage mich, warum es bei uns noch nicht schneit. Wann kommt denn endlich der Schnee?“

Frau Bürger muss schmunzeln: „Das kann schon noch etwas dauern. Doch mit etwas Glück kommt der Schnee noch vor den Weihnachtsferien.“ „Aber bei meinem Onkel hat es schon vor ein paar Wochen zum ersten Mal geschneit.“ Rasch erzählt Johannes von dem Brief und davon, dass er nun schon seit Wochen nach den ersten Schneeflocken Ausschau hält. „Weißt du denn überhaupt, wie Schnee entsteht?“, hakt Frau Bürger nach.

„Na, irgendwie gefriert da doch Wasser“, meint Johannes. Frau Bürger lächelt: „Hast du schon mal Wasser eingefroren?“ Sabine in der Bank neben Johannes kichert: „Das gibt Eiswürfel!“ Frau Bürger nickt. „Und wieso fallen dann keine Eiswürfel vom Himmel?“ Jetzt ist die ganze Klasse neugierig. Darüber hat wohl noch keiner nachgedacht.

Frau Bürger klappt die Tafel zu. Wenn die Klasse so interessiert ist, kann Mathe auch bis zur nächsten Stunde warten. „Was braucht man denn, damit Schnee fällt?“, fragt sie die Kinder. Die tragen schnell zusammen: Kalt muss es sein. Außerdem braucht man Wasser. Daraus besteht der Schnee ja. Dann erklärt Frau Bürger ganz genau: „In der Luft gibt es viele kleine Teilchen, die man gar nicht sehen kann. Da fliegen Wasserteilchen herum, aber auch feine Staubteilchen. Wenn es kalt ist, dann frieren die ganz kleinen Wasserteilchen an den Staubteilchen fest. Sie kristallisieren. Und wenn in der Luft zu viele dieser Kristalle sind und diese aneinander gefrieren, dann fällt Schnee.“

„Dann ist es ja gar nicht so schlecht, wenn die Autos die Luft verschmutzen“, ruft Basti aus der letzten Reihe. Doch Frau Bürger erklärt sofort, dass der Schmutz der Autos etwas ganz anderes ist als die Staubteilchen, die im Schnee stecken. Für Johannes ist immer noch nicht ganz klar, warum es bei seinem Onkel schneit und hier in Hannover nicht. „Das ist genauso wie mit dem Regen“, meint Frau Bürger dazu. „An einem Ort regnet es, an einem anderen nicht. Das hängt immer von den Luftströmungen, von der Wassermenge in der Luft und von der Temperatur ab. Aber wir können morgen versuchen, selbst einmal Schnee zu machen. Heute ist es dazu noch nicht kalt genug.“

Die Kinder sind begeistert. Schnee selbst machen klingt super. In der Pause reden alle darüber, wie das wohl möglich ist. Der Rest des Schultages vergeht wie im Flug. Mittags erzählt Johannes seiner Mama von dem Schnee-Experiment, abends auch dem Papa. Er ist jetzt schon aufgeregt und gespannt auf den nächsten Schultag. Darüber muss er unbedingt auch seinem Onkel in einem Brief schreiben.

– – –

Am nächsten Morgen hat Frau Bürger eine große Tasche mit dabei, als sie ins Klassenzimmer kommt. ‚Gibt es heute Tee?‘, fragt sich Johannes, als sie aus der Tasche einen großen Wasserkocher und einen großen Becher holt. Doch Frau Bürger erklärt, dass sie diese Dinge braucht, um Schnee zu machen. „Aber Schnee ist doch kalt“, protestiert Tina. „Den kann man doch nicht kochen“. „Wir schauen uns das erst einmal an. Dann überlegen wir, weshalb man Schnee vielleicht doch kochen kann“, meint Frau Bürger lächelnd.

Nun soll sich die Klasse in Zweierreihen anstellen. Schließlich soll es nach draußen gehen. Im Schulhaus ist es zu warm für Schnee. Im Flur kommt die Nachbarklasse dazu. Die anderen Schüler wollen das Experiment auch sehen. Im Hof sagt frau Bürger, was sie tut, um es schneien zu lassen: „Ich werde gleich Wasser im Wasserkocher heiß machen. Mit dem Becher gehe ich in den dritten Stock. Dann werde ich das heiße Wasser einfach mal aus dem Fenster kippen. Es ist ganz wichtig, dass ihr viel Abstand haltet. Wenn das Experiment nicht klappt, kann das heiße Wasser weh tun, wenn ihr das abbekommt.“

Dann läuft sie auch schon wieder ins Schulhaus. Frau Kroner passt inzwischen auf beide Klassen auf. Es dauert gar nicht lange, bis Frau Bürger oben am Fenster erscheint. Sie kontrolliert, dass kein Kind unter dem Fenster steht. Dann schüttet sie mit viel Schwung das heiße Wasser aus dem Becher in den Hof. Lautes „aaah“ und „oooh“ ertönt. Statt des Wassers kommt tatsächlich Schnee aus dem dritten Stock geflogen. Es ist nicht viel, aber es ist richtiger Schnee! Die Kinder sind ganz begeistert und Frau Bürger wiederholt das Experiment noch ein paar Mal.

Zurück im Klassenzimmer erklärt Frau Bürger, wie das Experiment funktioniert. Wichtig ist, dass die Kinder das Experiment nie alleine nachmachen. Das kann gefährlich sein. Dann dürfen die Kinder den Versuch selbst aufmalen und aufschreiben. Johannes hat genau aufgepasst. Er macht sogar Pünktchen in die Luft, damit man den Staub sieht.

Am Nachmittag schreibt Johannes zusammen mit Mama einen Brief an seinen Patenonkel. Mama schreibt die Wörter, die Johannes noch nicht schreiben kann und Johannes malt Bilder dazu. Gemeinsam erzählen sie vom selbst gemachten Schnee. Der ist toll. Aber richtiger, echter Schnee wäre noch viel besser. Dann könnte man endlich Schlitten fahren und Schneemänner bauen.

– – –

Am nächsten Tag stürmt Johannes morgens wieder ans Fenster. Schon wieder kein Schnee. Papa verspricht ihm beim Frühstück, nach der Arbeit mit ihm Schnee zu kochen. Das ist prima, aber nicht so gut wie richtiger Schnee. Weil Johannes nun weiß, dass es nicht nur kalt sein muss, damit es schneit, hört er jetzt jeden Morgen den Wetterbericht. Er sieht sich auch die Wetterkarten in der Zeitung an. Und jeden Nachmittag schaut er sich den Wetterbericht der Kindernachrichten im Fernsehen an.

Ganz aufgeregt ist Johannes, als er eine Woche später morgens hört, dass es in den deutschen Mittelgebirgen schneit. Das ist schon näher als Garmisch-Patenkirchen. Vielleicht kommt der Schnee ja doch bald?

Am ersten Adventssonntag lässt sich Johannes tatsächlich einmal Zeit mit dem Aufstehen. Die ganze letzte Woche war kein bisschen Schnee zu sehen. Der Wetterbericht hat keine Änderung angesagt. Noch ein bisschen müde tappt Johannes zuerst ins Bad, dann frisch gewaschen und angezogen in die Küche zum Frühstück. Erwartungsvoll gucken Mama und Papa ihn an. „Was ist denn?“, fragt Johannes ganz verwirrt. „Hast du heute schon mal aus dem Fenster geguckt?“, erkundigt sich Papa. Johannes schüttelt den Kopf. „Das macht keinen Spaß mehr.“ Da nimmt ihn Mama an der Hand und zieht ihn zum Küchenfenster. „Ich glaube heute wird es dir viel Freude machen“, sagt sie und schiebt den Vorhang zurück. Da werden die Augen von Johannes groß und größer. Es schneit! Es muss schon die ganze Nacht geschneit haben. Draußen liegt überall eine kleine Schneedecke. Auf den Ästen der Bäume, auf den Zaunpfählen, überall glitzern die frischen Flocken.

Glücklich hüpft Johannes auf und ab: „Es schneit! Es schneit! Wir haben Schnee!“ Und dann flitzt er schon los. Mama ruft schnell noch hinterher, dass er Stiefel und Jacke nicht vergessen soll. Dann ist Johannes aber auch schon vor der Tür. Er macht kleine Schneebälle, wirft Schnee in die Luft und malt Spuren und Bilder in den frischen Schnee. Und wie wunderbar: Heute ist Sonntag. Da hat Johannes viel Zeit, den Neuschnee zu genießen.

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3 Kommentare zu “Wo bleibt der Winter?

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