Papas Computer


Vorsichtig schielt Tanja um die Ecke ins Wohnzimmer. Papa ist gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. Er sitzt gemütlich auf dem Sofa und trinkt mit Mama Kaffee. Er scheint ganz ruhig zu sein.

„Tanja? Was schleichst du denn da draußen herum?“ Oh, Mama hat entdeckt, dass Tanja vor der Tür steht. „Ich schleiche doch gar nicht“, antwortet Tanja verlegen. Langsam kommt sie ins in Wohnzimmer herein.

„Stimmt etwas nicht?“, erkundigt sich Papa. Tanja sieht irgendwie so aus, als hätte sie etwas auf dem Herzen. Doch sie schüttelt nur den Kopf. „Alles in Ordnung. War’s schön in der Arbeit?“ „Das Übliche halt. Viel zu tun. Aber der Herr Baadt aus dem Nachbarbüro hat heute Kuchen mitgebracht. Er hat nämlich Geburtstag.“

Tanja nickt nur. Wenigstens musste Papa sich heute bei der Arbeit nicht ärgern. Vielleicht hat er noch gar nichts gemerkt? „Kann ich zu Sabine rüber gehen?“, fragt Tanja schnell. Wenn sie nicht da ist, kann Papa sie auch nicht anschreien. Mama guckt auf die Uhr. „Aber nur eine Stunde. Es gibt pünktlich Abendessen. Wer nicht da ist, bekommt nichts.“

Tanja weiß gar nicht, ob sie heute überhaupt Hunger hat. Schnell zischt sie zur Tür hinaus und über den Hof ins Nachbarhaus. Sabine sitzt in ihrem Zimmer am offenen Fenster und sieht sie schon kommen. „Du siehst aber gar nicht gut aus“, kommentiert sie, als die beiden Mädchen sich auf Sabines Bett setzen. „Probleme mit dem Einmaleins?“ Sabine reicht Tanja eine Cola. Ihre Freundin schüttelt den Kopf. „Ich glaube, ich hab Mist gebaut. Mit Papas Computer.“

Sabines Miene wird ernst. Tanjas Papa ist furchtbar streng, wenn es um seinen Computer geht. Die Mädchen dürfen ihn nur benutzen, wenn er dabei ist. Schließlich braucht er den Computer für die Arbeit. Da darf nichts kaputt gehen. „Was hast du denn gemacht?“ „Das weiß ich nicht“, erklärt Tanja geknickt. „Eigentlich gar nichts. Ich habe nur versucht ihn anzuschalten. Weißt du, Peter hat heute doch von diesem tollen Lied erzählt. Ich wollte mir das anhören. Ich weiß doch schon, wie man im Internet etwas sucht.“

Sabine nickt. Tanja kann wirklich gut mit dem Computer umgehen. Sie kennt alle Kindersuchmaschinen und weiß sogar, was Google ist. „Was ist schief gegangen?“ Tröstend legt Sabine schon mal den Arm um die Schulter. „Ich muss was mit den Knöpfen falsch gemacht haben. Er geht nicht mehr an. Vielleicht hab ich zu lang gedrückt. Oder man hätte erst das Bild und dann den Rest einschalten müssen. Oder vielleicht bin ich auch dagegen gestoßen. Ich weiß einfach nicht.“ Tanja fängt an zu schniefen. Papa wird sicher schrecklich böse auf sie sein.

„Das wird schon wieder“, beruhigt Sabine sie. „Vielleicht ist es ja nur ein ganz kleines Problem. Das kriegt dein Papa sicher wieder hin.“ Das hofft Tanja auch. Aber schimpfen wird Papa sicher.

Eine Stunde später geht Tanja ganz pünktlich nach Hause. Sie will nicht noch mehr Ärger bekommen, als ihr schon bevorsteht. „Hast du bei Sabine Süßes genascht?“, erkundigt sich Mama, als Tanja das Brot auf ihrem Teller nur anstarrt, aber fast keinen bissen isst. „Nein. Ich hab nur eine Cola getrunken. Das darf ich doch ab und zu.“ Mama nickt. „Ist dir nicht gut?“, fragt sie weiter. Tanja hat rote Augen, ist aber sonst ganz blass. Das ist kein gutes Zeichen. Tanja schüttelt nur den Kopf. „Alles okay“, murmelt sie.

Nach dem Abendessen sieht Tanja noch ein bisschen fern. Dann geht sie brav ins Bett – heute ganz ohne Murren. Mama guckt ganz besorgt drein. Ist Tanja krank? Oder gibt es Probleme in der Schule?

Tanja kann die ganze Nacht nicht richtig schlafen. Ständig wird sie wach und grübelt. Wie wütend wird Papa wohl sein, wenn er herausbekommt, dass Tanja den Computer kaputt gemacht hat? Bekommt sie vielleicht Hausarrest? Sicher wird das Taschengeld gestrichen. Und wenn Papa einen neuen Computer braucht, dann fällt wahrscheinlich der nächste Urlaub aus.

Am nächsten Morgen hat Tanja gar nicht ausgeschlafen. Sie sieht jetzt wirklich schrecklich krank aus. Mama misst sofort Fieber. „Ich glaube, wir müssen zum Arzt“, erklärt sie beim Frühstück. „Das ist nicht normal!“ Papa nickt: „Ich kann euch auf dem Weg zum Büro hinfahren. Zurück müsst ihr halt den Bus nehmen.“ Da fängt Tanja zu schluchzen an. Erst macht sie Papas Computer kaputt und jetzt ist er auch noch so lieb zu ihr. Das hält Tanja nicht mehr aus.

„Ich bin doch gar nicht krank“, erklärt sie unter Tränen. „Ich … ich … oh Papa!“ Am liebsten würde sich Tanja wieder in ihrem Bett verstecken. Doch Papa ist jetzt hellhörig geworden und guckt sie ganz fragend an. „Ich hab deinen Computer kaputt gemacht“, beichtet Tanja ganz kleinlaut.

Papa schaut ganz verwirrt drein. Dann legt er Tanja die Hand auf die Stirn. „Bist du sicher, dass sie kein Fieber hat?“, erkundigt er sich bei Mama. Die nickt nur. „Tanja, das hast du sicher nur geträumt“, meint Papa da. Doch Tanja schüttelt energisch den Kopf. „ich wollte nur was im Internet suchen. Aber jetzt geht der Computer nicht mehr.“

„Aber das war nicht heute Nacht, oder?“, hakt Papa nach. Jetzt ist Tanja etwas verwirrt. Heute Nacht war sie doch in ihrem Bett und nicht an Papas Schreibtisch. „Nein, gestern Nachmittag, als Mama beim Einkaufen war“, gesteht Tanja. „Und der Computer ließ sich nicht starten, oder?“

Tanja nickt. „Er ist kaputt, nicht wahr?“

Da fängt Papa plötzlich an zu lachen. Mama guckt ein wenig verdutzt und Tanja weiß gar nicht, was jetzt los ist. „Dann ist ja alles gut“, erklärt Papa, als er sich beruhigt hat. „Der Computer ist nicht kaputt und Tanja ist nicht krank. Das war nur das schlechte Gewissen, das sich gemeldet hat.“

Das hat sich Tanja schon selbst gedacht. Die schlaflose Nacht und die Gewissensbisse waren wirklich schlimm. Doch wieso ist der Computer nicht kaputt? Papa erklärt: „Ich habe den Sicherheitsschalter an der Steckdose ausgeschaltet. Der Computer hat keinen Strom bekommen. Da kann er gar nicht funktionieren.“

Nun ist Tanja wirklich erleichtert. Papa streicht ihr über den Kopf. „Du weißt doch, dass du nicht ohne mich an den Computer gehen sollst.“ Tanja nickt. „Dann wollen wir jetzt alle Augen zudrücken. Ich denke, du hast heute Nacht genug leiden müssen. Da braucht es wohl keine Strafe mehr.“ Tanja fällt ein Stein vom Herzen. Doch inzwischen hätte sie es gar nicht mehr so schlimm gefunden, wenn sie Hausarrest bekommen hätte. Ein schlechtes Gewissen ist viel schlimmer als Hausarrest.

Eines verspricht Tanja sich selbst: Wenn sie wieder einmal was Dummes macht, dann wird sie das gleich erzählen. So eine schlimme Nacht will sie nicht mehr erleben.

 

Thomas Hettche
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