Störung im U-Bahn-Betrieb


Von heute an werde ich mich sicher jedes Mal fragen, was passiert ist, wenn die U-Bahn-Anzeige mal wieder verkündet: „Aufgrund einer Betriebsstörung an der Station XY kommt es zu Verzögerungen im Fahrplanablauf.“Als ich heute zur U-Bahn am Goetheplatz hinabgestiegen bin, gab es dort schon große Unruhe. Leute auf dem Bahnsteig sahen sich verwirrt um. Die U-Bahn stand, stecke noch halb im Tunnel, nur die Notbeleuchtung spendete ein wenig Licht. Hinter mir kamen Polizisten angelaufen, suchten entlang der Wagons, befragten den Fahrer. Während ich versuchte, das andere Ende des Bahnsteigs zu erreichen wurde klar: Jemand war von der U-Bahn überfahren worden.

Schaulustige drängten näher, statt sich fern zu halten. Die Leute in den Wagons wurden unruhig, klopften an die versperrten Türen und verschlossenen Fenster. Dann kam die Feuerwehr angerückt. Der laute Ruf ertönte, den Bahnsteig zu verlassen. Zwei dunkelhäutige Mädchen saßen am Bahnsteigende auf einer Bank. Sie hatten nicht mitbekommen, was passiert war, wussten nicht, was sie tun sollten. Eine ganze Reihe von Leuten ging an den beiden Kindern einfach vorbei, ohne sie zu beachten. Ich hab die Kinder mit nach oben genommen – der Anfang einer kleinen Odyssee. Denn wer München kennt, weiß, dass es im Feierabendverkehr nicht gerade einfach ist, von A nach B zu gelangen, wenn der direkte Weg per U-Bahn versperrt ist.

Manchmal frage ich mich etwas, wie gedankenlos Eltern sein können: Die beiden 7-jährigen Mädchen waren völlig ratlos und den Tränen nahe, als sie merkten, dass es mit der U-Bahn nicht weiter gehen würden. Sie waren auf dem Heimweg von der Schule. Normalerweise wurden sie von der Mutter ein paar Stationen weiter an der U-Bahn abgeholt oder liefen von dort nach Hause. Kein Hinweis allerdings, was zu tun wäre, wenn dieser Weg versperrt wäre. Ein Handy hatten die Mädchen dabei, doch kein Guthaben geladen. Doch auch das wäre vergebens gewesen, weder Mutter noch Tante – die beiden einzigen Nummern im Handy – waren erreichbar.

Was folgte? Auf dem Weg mit den Kindern zur nächsten Bushaltestelle sammelte ich noch eine Kölner Touristin ein, die in eine ähnliche Richtung musste und keine Ahnung hatte, wie sie weiter kommen sollte. Dann ging’s im Schneckentempo voran. Keine Chance, in den ersten Bus zu kommen. Knapp 15 Minuten auf den nächsten warten – an der U-Bahn keine Veränderung, alles gesperrt. Dann mit dreierlei Bussen quer durch München, immer schön langsam, weil nach 16 Uhr ja jeder mit dem Auto durch die Innenstadt muss. Nach dem Umsteigen in den zweiten Bus konnte ich endlich die Mutter erreichen. Nur die Verständigung haute nicht so recht hin: Die somalische Mutter sprach kaum verständliches Deutsch. Was ihre Tochter ihr dann schließlich erklärte, konnte ich nicht verstehen (aber Somalisch klingt zumindest sehr interessant).

Ein etwas seltsames Bild haben wir sicher abgegeben: zwei weiße Frauen, im Schlepptau zwei kohlrabenschwarze Kinder, und drei unterschiedliche Dialekte. Nach einer halben Ewigkeit konnte ich die Touristin absetzen, 15 Minuten und zwei Telefonate mit der Mutter später auch die Kinder.

Für den Rückweg konnte ich endlich wieder in die U-Bahn nutzen. Die Anzeige am Bahnsteig verkündete: „Aufgrund einer Betriebsstörung am Goetheplatz kommt es zu Verzögerungen im Fahrplanablauf von bis zu 20 Minuten.“ Wie oft liest man die Begründung „Aufgrund einer Betriebsstörung …“? Wie oft mag ein sogenannter Personenschaden dahinter stecken? Ich lese das sicher so schnell nicht mehr, ohne dass mir dabei dieser Gedanken durch den Kopf geht.

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3 Kommentare zu “Störung im U-Bahn-Betrieb

  1. Klingt etwas blöd, wenn da stehen würde: „Wegen dämlichen Selbstmörder gibt es Verzögerungen“…
    Ich denke, da steht öfters ein selbst herbeigeführter Personenschaden dahinter. Aber eben auch gut, dass es nicht gleich breit getreten wird, sondern versteckt mit Betriebsstörung abgehandelt wird. Schlimm sind die ganzen Gaffer, die noch mehr Chaos verbreiten.

    Da bin ich froh, dass ich nicht in München wohne bzw. arbeite. Da bleiben mir diese Rushhours erspart 🙂

  2. Ich bin sehr froh, dass du den Selbstmord – oder auch Unfall – nicht direkt mit ansehen musstest, das wäre weitaus schrecklicher gewesen, als die unfreiwillige Tour de Force mit diversen Bussen durch München’s Großstadtverkehr… Schön, dass du dich der beiden Kleinen angenommen hast…
    Liebe Grüße, und eine schöne neue Woche!

    • Ja, ich bin auch froh, dass ich das eigentliche Geschehen nicht bekommen habe. Ich kann die Schaulustigen gar nicht verstehen, die da noch näher drängen. um irgendwie einen Blick auf das Unglück zu erhaschen. Solange ich nicht helfen kann, will ich da lieber weit weg und nicht im Weg sein.

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