Können wir ohne Hierarchien nicht leben?


Ich muss mich immer wieder wundern. Da wird laut gerufen nach Gleichberechtigung, nach Mitbestimmung, nach Teamarbeit, nach Demokratie. Und sieht man dann in den Alltag? Da bilden sich selbst in den demokratischst angelegten Grüppchen plötzlich Hierarchien heraus und man kann sich ihrer nicht erwehren – das erlebe ich gerade immer wieder.

Ich gehöre zu einer kleinen Gruppe, die sich regelmäßig mit der Vorbereitung und Leitung kleiner Gottesdienste beschäftigt. Ich sage selbst ganz deutlich, dass ich DAZU gehöre. Die Gruppe ist als Team angelegt, in dem jeder die gleiche Rechte hat, in dem Mehrheitsentscheidungen zählen. Allerdings kann ich den Teamgedanken betonen, so oft ich will, nach außen hin – und zeitweise auch nach innen – zeigt sich ein ganz anderes Bild: Ständig wird mir die Leitung zugesprochen.

Nach mehr als zwei Jahren Zusammenarbeit in unserer Konstellation sind wir im Team alle gleich befähigt, die Gottesdienste vorzubereiten. Klar hat jeder irgendwo besondere Stärken und auch Schwächen. Aber jeder wäre auch ohne das Team fähig, die Vorbereitung zu leisten. Doch hat das Pfarrbüro Infos zu Terminüberlagerungen, werden diese an mich herangetragen. Werden künftige Termine für den Pfarrbrief gebraucht, werde ich gefragt. Geht es um zusätzliche Einsätze bei Gottesdiensten, die wir eigentlich nicht verantworten, landet die Anfrage bei mir. Verwahrung von Kirchenschlüsseln? Natürlich auch meine Sache. Einladungen zu Sitzungen, bei denen das Team mitsprechen soll – gehen ausschließlich an mich. Und dann sind da noch die öffentlichen Bekanntmachungen und Danksagungen, bei denen es immer wieder heißt „… das Team unter Leitung von …“. Ich kann protestieren, so viel ich will: Mir wird immer wieder der Leitungstitel zugeschoben.

Woran liegt das? Kann es kein Team, keine Gruppe ohne Leitung geben? Muss immer jemand die Führung übernehmen, ob nun tatsächlich oder nur dem Namen nach?

Es scheint so, als wenn für uns ein Leben ohne Hierarchien nicht denkbar wäre. Sind sie nicht von Natur aus gegeben, werden sie künstlich geschaffen oder von außen aufgedrückt. Einer muss ja das Sagen haben, Entscheidungen fällen, Verantwortung tragen. Auch wenn das zeitweise doch sehr unpraktisch ist, der eine, der dann die Führung hat, nicht greifbar ist, zu wenig Zeit hat, vielleicht auch manchmal gar nicht alle Fähigkeiten besitzt, um dieser Leitungsfunktion in voller Gänze nachkommen zu können. Demokratie scheint nicht gewünscht. Von außen nicht – und intern manchmal leider auch nicht.

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8 Kommentare zu “Können wir ohne Hierarchien nicht leben?

  1. Ich weiss genau was Du meinst. Und es ist das wichtigste auf der Welt „seine eigene Meinung zu haben und sie auch immer vertreten zu können“.
    Ich habe gestern einen Bloganbieter gefunden und möchte dich gerne mal fragen, was
    du darüber denkst? das findest du unter qwer.com
    würde mich sehr über eine Antwort freuen

    • Sorry, dass dein Kommentar hier so lange nicht erschienen ist. Der ist unverständlicherweise in den Spam-Ordner gerutscht und den sehe ich nciht so oft durch.
      Ich hab mir den Blog-Anbieter gerade angesehen und halte den nicht für besonders vertrauenswürdig. Schon deshalb, weil ich auf der seite gar kein Impressum finden kann. Dann vermute ich, dass es sich um eine Art kostenpflichtiges Angebot handelt, dass aber damit wirbt, dass du mit dem Blog Geld verdienen kannst. Ganz ehrlich: Entweder musst du deinen Blog dafür dann mit Werbung pflastern oder das sind nichts als leere Versprechungen.
      Ich finde die kostenlose Version von WordPress sehr gut und auch einfach zu bedienen. Es gibt aber auch Alternativen wie blog.de oder blogger.com, wo du kostenlos einen Blog erstellen kannst. Ich würde eher zu so einem Anbieter raten.

  2. Ja, mir ist das auch schon aufgefallen. Man könnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass echte Demokratie nur eine Illusion ist. Es liegt wohl zum großen Teil daran, dass Menschen zu unterschiedlich sind. Manchen gefällt es, Einfluss zu nehmen, andere legen da keinen großen Wert drauf. Und nicht alle sind in einer Sache gleich engagiert, selbst wenn sie zu ein und derselben Gruppe gehören. Nicht zu vergessen: Hierarchie ist viel effizienter als Demokratie. Ein fähiger Führer bringt eine Gruppe viel besser und schneller zum Ziel, als wenn man alles kleinklein absprechen muss. Ich kann dir nur empfehlen deine Rolle anzunehmen, als ständig dagegen zu protestieren. Wie Meister Jedi Yoda schon sagte: Mit großer Macht geht auch große Verantwortung einher.

  3. Führung bringt halt immer auch Nachteile mit sich: Einem Einzelnen wird alle Verantwortung und (oft auch) alle Arbeit zugeschoben, andere gehen vielleicht unter, können ihr Potential deshalb nicht entfalten, während der/die Leitende nicht mehr weiß, wie er/sie alles unter einen Hut kriegen soll.
    Sicher hat die Leitung durch einen Einzelnen auch Vorteile: Entscheidungen werden schneller gefällt, es gibt weniger Diskussionen, die zu nichts führen, im Allgemeinen bewegt man sich geradliniger auf das gesteckte Ziel zu. Aber es geht auch die Bereicherung verloren, die mit Diskussion und Beachtung unterschiedlicher Meinungen einhergeht.
    Ich sehe persönlich gerade sehr stark die Kehrseite dieser Hierachiebildung und Leitung-Zuschieberei: Ohne Leitenden scheint plötzlich nichts mehr zu funktionieren (obwohl Kompetenzen vorhanden sind); statt eines Teams wird von außen nur noch eine Einzelperson wahrgenommen; man wird gedrängt, Entscheidungen über die Köpfe der anderen hinweg zu fällen.
    Und gerade in kleinen Gruppen, die eher im privaten und nicht im beruflichen Leben ihren Platz haben, finde ich, dass diese Hierarchien nicht immer sein müssen.

  4. Ich denke, wir sind im Innersten immer noch die Herden- und Rudeltiere aus längst vergangenen Tagen, es ist uns halt nach wie vor eingegeben, dass es da quasi ein „Alphatier“ geben muss, das bestimmt, wo’s lang geht. 😉

  5. Hierachien haben sich so eingebrannt in den mehr als zwei Jahrtausenden…da kommen wir nicht mehr heraus. Ohne eine gewisse „Befehlsstruktur“ macht jeder was er will, aber niemand etwas im Team. Chaos pur…

  6. Im Englischen gibt es zum Thema Team ja eigentlich den Spruch „There is no I in Team“, der impliziert, dass alle gemeinsam und gleichberechtigt an einer Aufgabe arbeiten. Doch das scheint ein Ideal zu sein, dem ich wohl vergebens nachträume.
    Leider gilt aber ganz offensichtlich seltener die englische Auflösung des Akronyms in „Together Everyone Achieves More“ und viel häufiger die deutsche „Toll, ein andrer machts!“
    Wie man’s macht, ist es eigentlich schon verkehrt. Hält man sich zurück und versucht aus einer gruppe nur ganz vorsichtig ein richtiges Team zu formen, wird einem die Verantwortung und damit auch die Arbeit zugeschoben. Nimmt man das Heft und damit die Leitung selbst in die Hand, wird einem Verantwortung und Arbeit auch wieder zugeschoben, weil man ja Leitungsposition hat und alles angeblich am Besten kann.
    Ja, es scheint wirklich so zu sein: Ohne Hierarchien will selbst im schönsten demokratischen System keiner sein. Nur wenn’s drum geht, Arbeit abzuschieben, dann will jeder plötzlich gleichberechtigt Mitspracherecht.

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