Auf dem Rummelplatz


„Ich will Karussell fahren und beim „Hau den Lukas“ zugucken und in die Geisterbahn und Zuckerwatte will ich auch!“ Tina hüpft aufgeregt in ihrem Sitz auf und ab. Sie ist mit ihren Eltern unterwegs zum Rummelplatz. Heute ist Kindertag. Da gibt es günstige Fahrpreise. Das ist prima, denn Tina will so viel erleben.

„Nur mit der Ruhe“, erklärt Tinas Papa schmunzelnd. „Wir sind ja bald da und dann schauen wir mal, was wir alles machen. Vergiss nicht, Leon möchte vielleicht auch ein paar Fahrgeschäfte ausprobieren.“

Leon, Tinas älterer Bruder, sitzt lässig im Auto und guckt recht gelangweilt drein. „Ich bin sowieso schon zu alt für Karussellfahren. Lasst die Kleine nur mal. Das ist alles eher für kleine Kinder.“

Jetzt schmollt Tina. Sie ist doch kein kleines Kind mehr! Sie ist schon 6 Jahre alt und geht in die Schule. Nur weil ihr Bruder schon 14 ist, muss er nicht immer auf sie herabsehen. Doch bald wird Tina wieder abgelenkt. Hinter den Häusern, an denen sie gerade vorbeifahren, taucht ein großes Riesenrad auf. „Da will ich auch rein“, juchzt sie und deutet auf die Gondeln. „Langweilig“, brummelte Leon, aber Tina beachtet ihn nicht. Mama fährt sicher mit im Riesenrad.

Wenige Minuten später hat die Familie endlich das Festgelände erreicht. Es war gar nicht so einfach, einen Parkplatz zu finden. Doch jetzt steht das Auto und Tina schnallt sich sofort ab. „Beeilt euch. Wir haben doch so viel vor!“, ruft Tina, als sie die Autotür öffnet. Mama ist schneller. Sie steht schon vor der Tür und nimmt Tina an der Hand. „Nicht dass du mir verloren gehst“, erklärt sie lächelnd. Sofort fängt Tina an zu zerren. Wieso ist denn nur keiner so ungeduldig wie sie?

Als sie endlich das Gelände betreten, weiß Tina gar nicht, wohin sie zuerst gucken soll. Überall gibt es Musik und blinkende Lichter. Von manchen Buden kommt süßer Duft herüber und auch der Geruch von Bratwürsten liegt in der Luft.

„Schau, dort gibt es ein Karussell mit Pferden. Willst du dort mal hin?“, fragt Mama. Tina nickt sofort. Pferde sind toll und das Karussell macht auch noch sehr schöne Musik. Leon schlendert neben Papa hinter Mama und Tina her. Natürlich will er nicht Karussell fahren. Dafür ist er auch schon zu groß. „Ich geh mal rüber zum Spicker werfen“, brummelt Leon und deutet auf eine benachbarte Bude. Papa steckt ihm ein paar Euro zu, damit Leon sein Glück versuchen kann. Danach soll er aber gleich wieder zurück kommen.

„Huhu, Papa, guck mal!“, juchzt Tina. Das Pferdchen, auf dem sie sitzt, läuft nicht nur im Kreis, sondern bewegt sich an einer Stange auch immer auf und ab. Das ist wirklich fast wie Reiten. Tina winkt ihren Eltern zu. Ist das nicht herrlich?

Nach der Karussellfahrt bekommt Tina erst einmal ihre Zuckerwatte. Leon zupft sich immer etwas herunter, wenn er glaubt, dass Tina nicht hinsieht. Tina bemerkt das schon, aber bei so viel Zuckerwatte kann sie auch etwas abgeben. Gemeinsam wandert die Familie zum Auto-Scooter. Den findet Leon schon viel besser. Immerhin ist er schon alt genug, um alleine zu fahren. Mit Papa ist das nämlich gar nicht cool.

Sehnsüchtig schaut Tina zu, wie ihr großer Bruder zu Kasse geht. Wie gerne würde sie mit ihm fahren. Aber das lehnt Leon einfach ab. Es ist auch nicht cool, wenn man die kleine Schwester als Anhängsel hat. Und bei Leon muss alles cool sein!

Zwei Runden muss Tina warten, bis Leon wieder zurück kommt. Aber dann ist sie wieder dran. Tina will nun gleich zu „Hau den Lukas“. Ob Papa zeigt, wie stark er ist? An Mamas Hand hüpft Tina fröhlich auf den Stand zu. Ein paar junge Kerle schwingen gerade den großen Hammer. Doch viel erreichen sie nicht. Das gibt nur einen Trostpreis. „Guck mal, Papa! Da kann man ein großes Herzkissen gewinnen! Das hätte ich gerne“, ruft Tina. „Ich glaube nicht, dass ich so stark bin“, erklärt ihr Vater lächelnd. „Probier es doch. Bitte, bitte!“, bettelt Tina. Tinas Mama nickt. „Es kostet ja nicht viel. Und die Trostpreise sind auch nett.“

Also krempelt Papa die Ärmel hoch und stellt sich an. Tina springt aufgeregt auf und ab. Die beiden Männer vor Papa sind gar nicht schlecht. Einer schafft es fast bis zur Spitze der großen Anzeige. Aber ganz reicht es doch nicht. Dann ist Tinas Papa dran. Er schwingt den Hammer erst einmal zum Test herum. Der ist ziemlich schwer. Tina könnte ihn wahrscheinlich nicht hochheben. Dann hebt Papa den Hammer weit über seinen Kopf und lässt ihn ganz schnell herunter sausen. Wumms! Der Anzeiger schnellt nach oben und die Klingel erschallt laut.

„Juchu! Du hast es geschafft!“, jubelt Tina. Papa guckt ganz verlegen. Die laute Klingel erregt viel Aufmerksamkeit und einige Leute sind stehen geblieben um zu gucken. Glücklich nimmt Tina das Herzkissen, das ihr der Budenbetreiber in die Hand drückt. Ach, ist das schön kuschelig weich.

Mama und Papa haben jetzt Hunger. Tina eigentlich nicht. Sie hat so viel Zuckerwatte im Bauch, dass da gar nichts mehr rein passt. Doch die Familie sucht das nächste Festzelt. Jetzt ist schon richtig viel los auf dem Rummelplatz und das Durchkommen wird immer schwieriger. Tina sieht die große Geisterbahn, aber sie wird nur vertröstet. „Erst ein Zwischenstopp im Festzelt, danach fährt Papa sicher mit dir in der Geisterbahn“, erklärt Mama.

Das Festzelt ist ziemlich überfüllt. Tina hofft schon, dass gar kein Platz mehr frei ist. Dann könnte sie sicher gleich zurück zur Geisterbahn. Letztes Jahr war sie noch zu klein, um damit zu fahren. Aber diesmal hat Papa fest versprochen, dass sie rein darf. Tina ist gar nicht begeistert, als Papa auf einen Mann zuläuft, der ihm winkt. Das ist einer von Papas Arbeitskollegen. Bei ihm am Tisch ist noch etwas Platz frei. Tina wird zwischen Mama und Papa gequetscht. Puh, ist das eng. Und der Tisch klebt. Wie ekelig. Aber Tinas Eltern scheint das nicht zu stören. Sie fangen sofort an, sich mit den anderen Erwachsenen am Tisch zu unterhalten. Papa verschwindet kurz, um Käse, Brezen und Hähnchen zu holen. Bald bringt die Kellnerin auch Getränke. Tina schlürft missmutig an ihrer Limonade. So hat sie sich das nicht vorgestellt.

Nach einer halben Stunde rutscht Leon von der Bank. „Ich geh nochmal zum Auto-Scooter“, erklärt er. „Aber in einer halben Stunde wieder hier sein“, mahnt Mama. Wie gemein. Leon kann einfach das machen, was ihm Spaß macht und Tina muss sich mit den Erwachsenen langweilen. „Warte, ich komm mit!“, ruft sie und drängelt sich durch zum Gang. „Bleib aber bei Leon“, ruft Mama ihr hinterher. Tina nickt und saust los. Leon ist schon auf dem Mittelgang. Wahrscheinlich hat er gar nicht gemerkt, dass Tina mit will.

Als Tina auf den Mittelgang kommt, drängen ihr viele Leute entgegen. Leon hat sie komplett aus den Augen verloren. Er ist sicher schon beim Ausgang. Tina quetscht sich zwischen den Leuten hindurch, aber es dauert ewig, bis sie draußen ist. Leon kann sie nirgends entdecken. Soll sie jetzt zurückgehen?

Tina denkt gar nicht daran. Bei ihren Eltern ist es total langweilig. Die reden nur über Dinge, die Tina nicht interessieren. Und vieles versteht sie auch gar nicht. Viel lieber will sie jetzt in die Geisterbahn. Schon läuft Tina los. Die Richtung kennt sie genau. Aber jetzt ist fast kein Durchkommen mehr. Überall stehen und laufen so viele Leute. Kaum einer achtet auf Tina. Oft wird sie angerempelt und einmal stolpert sogar jemand über sie. Tina ist ganz k.o., als sie endlich die Geisterbahn erreicht. Sehnsüchtig sieht sie zu, wie Eltern mit ihren Kindern und viele Jugendlichen in die Wagen steigen. Aber Tina kann nicht mitfahren. Sie hat kein Geld und ist zu klein, um alleine zu fahren. Soll sie vielleicht doch Leon suchen?

Da kommt Tina eine Idee. Sie könnte sich vielleicht hinten irgendwo hineinschleichen. Tina guckt sich immer wieder um, als sie langsam um die Ecke biegt und an der Seite des langen Baus entlangläuft. Es muss hier doch noch andere Ein- und Ausgänge geben. Da fällt ihr eine gut getarnte Tür auf. Sie ist genauso bunt angemalt wie der Rest der Geisterbahn und verschwindet fast in der Wand. Aber Tina hat sie entdeckt. Niemand bemerkt, dass Tina die Tür öffnet und in die Dunkelheit hinein schleicht.

‚Wo sind denn jetzt die Gleise und wo die Gespenster?‘, überlegt sich Tina. Sie tastet sich vorsichtig voran. Sehen kann sie gar nichts. Aber sie ist ja schon groß und hat keine Angst im Finsteren. Von draußen dringen gedämpft die Geräusche des Rummelplatzes herein. Dann hört Tina ein lautes Rattern. Plötzlich ertönt lautes Kreischen. Tina erschrickt sehr. Sie springt zur Seite, will sich verstecken, doch da gibt die Wand nach. Tina purzelt plötzlich nach hinten und steckt mit einem Mal in einem Haufen rot glühender Knochen. Ein Skelett hängt über ihr und grinst sie an. Tina schreit laut auf und versucht sich zu befreien. Wieder tönt das laute rattern und da rauschen auch schon die Wagen der Geisterbahn an ihr vorbei. Tinas Herz klopf wie wild, als es um sie herum wieder ganz finster wird. Sie muss unbedingt hier raus. Langsam tastet sie sich voran. Da geht vor ihr wieder ein Licht an. Tina kreischt laut, als eine riesige Spinne an einem langen Spinnfaden knapp an ihr vorbeifliegt.

Nichts wie weg. Tina dreht sich um und rennt los. Sie denkt überhaupt nicht mehr nach, wohin sie läuft. Sie muss unbedingt weg von diesem schrecklichen Ort. Vor sich sieht Tina wieder Licht. Da scheint es nach draußen zu gehen. Und tatsächlich erreicht sie wenig später das Ende des Tunnels. „Hey, wo kommst du denn her?“, ruft ein Mann, der bei der Geisterbahn arbeitet. Aber Tina bleibt gar nicht stehen. Sie will nur noch weit weg von diesem gruseligen Haus.

Tina rennt und rennt und überlegt gar nicht, wo sie hin läuft. Keuchend steht sie mit einem Mal vor dem Auto-Scooter. Ob Leon noch hier ist. Tina kann ihn nirgends entdecken. Schniefend setzt sie sich auf die Stufen vor der Fahrbahn. Kleine Tränchen kullern ihr über die Wangen. Sie will nur noch heim. Wo sind denn nun Mama und Papa? Wo war das Zelt, in dem sie sitzen?

„Ich hab sie!“, hört Tina plötzlich laut hinter sich Leons Stimme. „Tina, was machst du nur für Sachen!“ Tina dreht sich um und sieht ihren Bruder auf sich zukommen. Ihre Eltern sind auch nur noch ein paar Meter entfernt. Schnell springt Tina auf und stürzt sich in Leons Arme. Schluchzend klammert sie sich an ihm fest. „Sch, sch, es ist doch nichts passiert“, beruhigt Leon sie. „Wir haben dich ja wieder gefunden.“

Mama kommt angelaufen und nimmt Tina in die Arme. „Wo warst du nur? Hast du dich verlaufen? Wir haben uns solche Sorgen gemacht.“ Tina kann gar nichts sagen. Sie ist einfach nur erleichtert, wieder bei ihrer Familie zu sein. „Alles ist gut“, erklärt Tinas Papa. „Putz dir mal die Nase. Und dann setzt du wieder ein Lächeln auf. Dann sieht die Welt gleich wieder besser aus. Wenn du magst, dann können wir jetzt Geisterbahn fahren. Das bringt dich sicher auf andere Gedanken.“

Tina schaut ihren Papa entsetzt an. Nein, in die Geisterbahn will sie nie wieder rein. Sie schüttelt energisch den Kopf. „Keine Geisterbahn? Aber damit wolltest du doch unbedingt fahren?“ Tina schluchzt wieder und schüttelt weiter den Kopf.

„Hey, Tina, weißt du was“, meint da Leon, „wir zwei fahren jetzt mit dem Auto-Scooter. Und wenn du aufhörst zu weinen, dann darfst du auch mal lenken.“ Tina schnüffelt noch ein bisschen. Auto-Scooter mit Leon wäre sicher nicht schlecht. Er fährt viel wilder als Papa. Der ist immer so vorsichtig, „Wirklich?“, erkundigt sich Tina ganz vorsichtig. „Wirklich“, sagt Leon. Mama setzt Tina ab und die hält Leon sofort die Hand hin. Alleine will sie heute auch nirgends mehr hingehen. Zusammen mit Leon wartet sie, bis die Autos stehen bleiben und sie einsteigen können. Mama und Papa schauen vom Rand der Fahrbahn nachdenklich zu. Doch bald kann Tina wieder lachen. Leon boxt alle Autos an, die er erwischen kann. Das ist richtig lustig. Ein bisschen unwohl ist Tina noch, wenn sie zur Geisterbahn hinüber sieht. Aber zusammen mit ihrer Familie kann sie den restlichen Tag auf dem Rummel noch richtig genießen.

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Ein Kommentar zu “Auf dem Rummelplatz

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