Auf zur Wiesn!


Chaos in München: Überfüllte U- und S-Bahnen, Verspätungen von bis zu 25 Minuten bei Bussen, keine freien Hotelzimmer innerhalb Münchens oder im näheren Einzugsbereich – es ist Wiesn-Zeit.Das Rheinland kennt diesen besonderen Ausnahmezustand zur Karnevalszeit, in München liegt es am Oktoberfest. Dieses lockt Jahr für Jahr Millionen von Besuchern in die bayerische Hauptstadt. 6,4 Millionen waren es 2012. München selbst hat gerade einmal 1,34 Millionen Einwohner. Wen wundert es da, dass schon Wochen und Monate vorher keine Hotelzimmer mehr für die Wiesnzeit gebucht werden können. Auch das Umland ist davon betroffen. 20 bis 25 Kilometer vor den Toren München freuen sich Hotel- und Pensionsbesitzer ebenfalls über vollen Bettenbelegung.

Derweilen herrscht in Münchner Bekleidungshandel schon Wochen vor der Wiesn Hochbetrieb. Kaum dass der Aufbau der ersten Attraktionen und Zelte beginnt, wandern Kleiderständer voll Dirndl und Lederhosen in Läden und Schaufenster. Diverse Ketten bringen die bayerische Tracht in wenig traditineller Form, dafür aber zu Spottpreisen unter die zahlreiche Kundschaft: 50,- EUR fürs Minidirndl – da kann man sich doch glatt für jeden zweiten Wiesntag ein neues besorgen. Kurz, kürzer, am kürzesten ist leider seit Jahren sehr gefragt. Dabei bleibt das traditionelle Dirndl auf jeden Fall unterhalb des Knies, entweder auf halber Wadenlänge (meist bei den jüngeren Trägerinnen) oder bis zum Knöchel. Auch am Stoff sieht man sofort, welches Dirndl aus dem Fachhandel kommt und welches von der Kaufhauskette. Die günstigen Stoffe sind meist recht dünn, oft in knalligen Farben und häufig stark gemustert. Ähnlich sieht es bei den „Lederhosen“ aus, die in Lederimitat und zeitweise sogar in Jeansstoffen angeboten werden. Diejenigen, die Dirndl und Lederhose nciht nur einmal im Jahr aus dem Schrank holen, belächeln die Pseudotracht meist wohlwollend.

Überrascht werden kann man oft vom Inhalt der Dirndl und Lederhosen. Dass nicht jeder Träger der bayerischen Tracht auch aus Bayern kommt, kann man sich sicher denken. Doch oftmals hat man es nicht einmal mehr mit deutschen Bürgern zu tun. Gerade Italiener, die es zum teil gar nicht so weit aus dem Süden herauf nach München haben, „tarnen“ sich oftmit der bayerischen Landeskleidung. Aber auch tschechisch, russisch oder gar japanisch kann einem entgegen klingen, wenn man vermeintliche Bayern anspricht. Tendenz steigend, kann man nur sagen: Denn wenn vor zehn Jahren geschätzt ein Drittel der Wiesnbesucher Tracht trug, dürften es inzwischen zwischen 50 und 70 % sein.

Unterschiedlich sind die Geschmäcker das betreffend, was man auf der Wiesn sucht und findet. Fahrgeschäfte, Schmankerl, Biergenuss – einfach mal die große Gaudi. Die findet man dort sicherlich, doch wohl je nach Empfinden zu einer anderen Zeit. Mit Kindern besucht man die Wiesn am besten am frühen Nachmittag. Da können die Kleinen noch viel schauen, ohne von drängelnden Menschenmassen überrannt zu werden oder an jeder Ecke Betrunkenen vor die Füße zu laufen. Jedes Jahr gibt es eine Menge Attraktionen, die den jüngeren und älteren Kindern Spaß machen. Beliebt bei allen Generationen ist z.B. die Münchner Rutsch’n, eine 55 Meter lange, gewellte Rutschbahn.

Je später der Nachmiittag und Abend wird, desto feucht fröhlicher wird es. Dabei liegen die bierpreise in diesem Jahr für die Maß Festbier bei um die 9,80 EUR, beim Weißbier bei bis zu 15,- EUR. An schönen Tagen ist es abends oft nicht mehr möglich, Platz in einem Zelt zu bekommen. Da werden die Türen gnadenlos dicht gemacht. Bierlustige Menschenmengen tummeln sich dann zu Partyknallern und Wiesnhits nicht nur an voll besetzten Biertischen, sondern oft auch darauf. Für so manchen eher nüchternen Menschen mag da der Abend eher unangenehm werden.

Sucht man auch Abends die Beschaulichkeit, so sind kleinere Zelte anzuraten oder der Besuch der Oiden Wiesn. Der Eintrittspreis von 3,- EUR scheint das Publikum, das mehr das Bier sucht alles andere, davon abzuhalten, das etwas abgetrennte Areal der historischen Wiesn zu besuchen. So findet man dort im historischen – und vor allem familienfreundlichen – Bierzelt auch dann Platz, wenn andere Zelte längst überfüllt sind. Fahrgeschäfte von annodazumal locken mit Preisen ab 1,- EUR zu harmlosen Vergnügungen und im Kulturzelt findet man zeitgenössische, volkstümliche Unterhaltung.

Auf zur Wiesn! – Dem Ruf sollte man getrost folgen, denn die Wies hat wirklich für jeden etwas zu bieten. Und wenn die einen ab 18 Uhr mit dem Lebkuchenherzerl um den Hals gemütlich nach Hause gehen und dem akoholgeschwängertem Partyleben entfliehen, zieht es andere gerade zu dieser Zeit erst hin zum Oktoberfest, um ein paar Tage im Jahr in Dirndl und Lederhosen richtig auf den Putz zu hauen.

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