Wenn Fernsehen zum Schreiben inspiriert


Es gibt Tausende von Autoren. Sie schreiben hundertausende von Geschichten und haben Millionen von Fans. Und doch gibt es immer noch genug Menschen, die diese Art der Literatur nicht kennen. Es geht um das Phänomen Fanfiction.

Der Ursprung von Fanfiction hängt eng mit der Definition zusammen. Ganz weit gefasst handelt es sich um Literatur, die auf Figuren – und eventuell Inhalten – bereits bestehender Werke basiert. Entsprechend dieser definition könnte man schon jeder Neuaufnahme der Arthus-Legende von Fanfiction sprechen. Enger gesehen gibt es Fanfiction etwa seit 1920, wo sich Fangemeinden rund um die Werke von jane Austen und die Geschichten über Sherlock Holmes bildeten. Zu einer ersten Blüte kam es durch die Fanzines, die in den 1960er Jahren rund um die Star Trek Filme entstanden.

Einen richtigen Boom erlebte Fanfiction ab 1990 mit der Verbreitung des Internet. Autoren bekamen neue Plattformen, ihre Geschichten zu verbreiten. Die Nachfrage nach Lesestoff im Internet nahm zu. Fanfiction rückte aus dem absoluten Nischenbereich in die Aufmerksamkeit größerer Rezipientenkreise.

Einen großen Block im Bereich der Fanfiction nehmen die Werke zu Film und Fernsehen ein. Geschichten setzen da an, wo Filme enden, liefern Vorgeschichten verschiedener Charaktere oder ergänzen, was im Film ausgespart wurde. In vielen Fällen handelt es sich amerikanische Serien und Kinofilme, die als Ausgangspunkt genommen werden. Doch auch deutsche Produktionen haben eine breite Fanbasis, die sich der Fanfiction widmet. Im deutschen Archiv FanFiktion.de gehört beispielsweise die Serie „K11 – Kommissare im Einsatz“ zu den TV Serien mit den meisten Fanfiction-Beiträgen.

Im Internationalen Bereich ist Fanfiction.net die größte Plattform zur Publikation von Fanfiction. Mit fast 100.000 Einzelbeiträgen führt dort die Serie „Glee“ die Rangliste unter den zu TV Serien verfassten Fanfiction an. Im Bereich Kinofilm liegt die Reihe der Star Wars Filme mit mehr als 30.000 Beiträgen ganz vorne. Einen nicht zu vernachlässigenden Block machen die Anime und Manga aus, die bei Fanfiction.net gesondert betrachtet werden. Hier liegt „Naruto“ mit knapp 350.000 Beiträgen als absoluter Spitzenreiter ganz vorne.

Fanfiction beschränkt sich aber nicht allein auf Film und Fernsehen. Bücher, Comics, Video- und Computerspiele, Musicals und sogar einzelne Songs können Ausgangspunkt für Fanfiction sein. Eher in jüngerer Zeit kam dazu noch die RPF, die Real Person Fiction, die sich um prominente Personen aus Gesellschaft, Medien und Sport drehen.

Genauso vielfältig wie die Ausgangspunkte sind auch die verschiedenen Formen der Fanfiction. Drabbles mit einer Kürze von exakt 100 Wörtern stellen dabei die kleinste Form dar. Kurzgeschichten und umfangreiche Romane mit mehreren 100.000 Zeichen bilden die breite Menge der Fanfiction. Daneben gibt es auch Lyrik und Song-Fics, Erzählungen mit vergleichsweise kurzen Texten, in die Songtexte eingebunden sind.

Schreiben kann jeder – dies ist das große Motto der Fanfiction. In sofern ist die Qualität der Fanfiction so unterschiedlich wie es die Autoren sind. Je nach Plattform sind auch Kinder und Jugendliche als Autoren zugelassen, die sich, hinter Nicknames versteckt, unter die Erwachsenen mischen. Und auch bei letzteren ist die Bandbreite an Schreibtalent groß. Wichtig ist lediglich der Spaß am Schreiben, die Freude daran, eigene Texte einem Publikum zugänglich zu machen.

In diesem Zusammenhang nehmen die sogenannten Beta-Reader eine besondere Position ein. Man könnte sie als freiwillige Lektoren bezeichnen, die mit den Fanfiction-Autoren zusammenarbeiten. Viele Fanfiction Archive bieten Foren und andere kommunikationsmöglichkeiten an, über die Beta-Reader ihre Dienste anbieten oder Autoren nach Beta-Readern suchen. Die Beta-Reader treten wie typische Lektoren auf den Plan, bevor die fanfictin veröffentlicht wird. Manche Plattformen und Archive versuchen einen gewissen Qualitätsstandard zu erreichen, indem nur Fanfiction zugelassen wird, die ein Beta-Reading durchlaufen hat.

Fanfiction findet überall im Internet Verbreitung, auf privaten Websites, in Foren, Weblogs, Archiven. Wichtig sind in den meisten Fällen die Rückmeldungemöglichkeiten für die Leser. Denn nichts beflügelt Fanfiction-Autoren mehr als Feedback ihrer Leser. Somit verwundert es nicht, dass es im Fanfiction-Bereich auch zahlreiche Schreibwettbewerbe gibt. Ergebnisse von hoher Qualität liefern meist die Big Bang Wettbewerbe. Autoren müssen sich dabei vorab anmelden und schreiben innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums umfangreiche Geschichten. Oft wird als Mindest-Wortzahl 100.000 Wörter vorgegeben. Teilweise werden die Fanfiction auch durch Fanart ergänzt.

Problematisch ist die Frage des Urheberschutzes. Die Figuren und fiktiven Welten, die sich Fanfiction-Autoren zueigen machen, unterliegen in den meisten Fällen dem Urheberschutz, dürfen also nur mit der Genehmigung ihrer Schöpfer verwendet werden. Kaum ein Fanfiction-Autor dürfte diese Genehmigung wirklich haben. Usus ist heute weitgehend, dass Fanfiction geduldet wird, solange damit keine finanziellen Interessen verbunden sind. Es gibt allerding auch Ausnahmen. So hat die amerikanische Autorin Anne Rice ihren Fans ausdrücklich untersagt, von ihr erfundene Charaktere in Fanfiction zu verarbeiten.Dass andererseits Fanfiction von den Urhebern der Ausgangswerke auch geschätzt wird, zeigen beispielsweise Reaktionen von Fernsehproduktionen wie Stargate Atlantis (Metro-Goldwyn-Mayer) oder auch Merlin und Sherlock (BBC). Hier wird nicht nur offen mit Fanfiction umgegangen, in Interviews positiv darüber gesprochen und angeregt, die kreative Arbeit beizubehalten. Mitunter werden Anregungen aus den Geschichten (Trends, die sich dort entwickeln) auch aufgenommen und umgesetzt.

Als Fazit ist zu sagen, dass Fanfiction ein höchst interessanter Bereich der Literatur ist, in den man einmal hineingeschnuppert haben sollte. Von einer weniger guten Geschichte sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn es gibt eine Vielzahl an sehr gut geschriebenen Werken. Und wer Fanfiction liest, sollte eines nicht vergessen: Feedback für den Autor.

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