Arm wie eine Kirchenmaus?


Wieso heißt es eigentlich, dass jemand arm ist wie eine Kirchenmaus?

Ich kenne zufällig eine Kirchenmaus – kein Scherz, absolut ernst gemeint – und die könnte man nicht als arm bezeichnen. Genau genommen handelt es sich um eine Kirchenmaus a.D. Und an dem a.D. bin ich nicht ganz unschuldig.

Gehen wir zurück zum Jahresbeginn 2013. Die Münchner Kirche St. Joachim ist geschmückt mit Weihnachtsbäumen, der Jahreswechsel ist gerade herum. Die Leute haben Zeit, die Gottesdienste sind gut besucht. Zum Sonntagsgottesdienst hält die Gemeindereferentin die Predigt. Sie steht am Ambo, die Gemeinde lauscht – mehr oder minder andächtig, aber mit gebührendem Ernst. Mit einem Mal fährt ein Ruck durch die Anwesenden, ein Lächeln, ja sogar ein Grinsen macht sich auf vielen Gesichtern breit. Die Gemeindereferentin ist irritiert: Lustig sollte die Predigt eigentlich nicht sein. Erklären kann sie sich die plötzliche Fröhlichkeit nicht. Wenig später mitten im „Vater unser“ ein erneuter Ruck: diesmal sieht man grinsende Ministranten, die aus den Augenwinkeln heraus einen Weihnachtsbaum beobachten. Lächeln und Grinsen mitten im Gottesdienst? Was ist da los?

Die Aufklärung gibt es nach dem Gottesdienst, denn die Ursache der Frröhlichkeit ist sofort Gesprächsthema Nummer 1: Während der Predigt sauste eine kleine weiße Maus knapp am Ambo vorbei einmal quer durch die ganze Kirche. Und zum „Vater unser“ hatte sie es sich dann in einem der Weihnachtsbäume gemütlich gemacht und sprang dort auf den Ästen herum.

Doch damit begann die ganze Geschichte erst. Mäuse sind in Kirchen im Allgemeinen nicht besonders gern gesehen. Sie hinterlassen da und dort Spuren, knabbern Altaswäsche an, bringen verschreckte Putzfrauen zur Arbeitsverweigerung und Mesner dazu, Sakristeien wegen der gelagerten Hostienvorräte zum Sperrgebiet für Tier und Mensch zu erklären.

Nach vier Wochen war klar: Wir haben eine Mäusefamilie in der Kirche und die lässt sich weder leicht vertreiben noch einfangen. Diverse Fallen wurden ignoriert oder geplündert, ohne ausgelöst zu werden. Vorräte des Eine-Welt-Waren-Verkaufs wurden angenagt, Mäusedreck wurde zwischen den Gebetbüchern gefunden.

Mitte Februar hatte ich meine erste Begegnung mit einem der, wie ich finde, durchaus putzigen Tierchen. Ich habe diese Kirchenmaus dann auch prompt in den Ruhestand versetzt. Aber keine Angst: Die Maus lebt noch! Sie lief mir in unserer Kapelle im wahrsten Sinn des Wortes in die Hände – und in einen Blumentopf. 😉 Das kleine Tier, das völlig ohne Scheu auf einer Bank spazieren lief, ließ sich recht schnell einfangen. Und jetzt hat die Kirchenmaus tatsächlich ein neues Zuhause gefunden. Ein Freund hat seine plötzliche Freude an Mäusen entdeckt. Die Kirchenmaus zog bei ihm ein und im Lauf der letzten Monate wurden weitere fünf Mäuschen zugekauft, denn nur in Gesellschaft sind Mäuse glücklich.

Von den in der Kirche verbliebenen Mäusen muss ich leider erzählen, dass zwei knapp außerhalb der Kirche erfroren sind. Eine vierte ließ sich nicht mehr blicken. Aber die Keller der Kirche sind groß, wer weiß, wo sie da noch herumgeistert.

Doch zurück zur anfänglichen Frage: Wieso sollten Kirchenmäuse arm sein? Die Mäusefamilie in unserer Kirche tat sich gütlich an Käse, Nüssen, Schokolade und Kakao, lebte in einem angenehm temperierten Raum und war absolut sicher vor Katzen und anderen Räubern. Wäre ich Maus, ich würde auch in einer Kirche leben wollen!

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Ein Kommentar zu “Arm wie eine Kirchenmaus?

  1. Liebe Eva,
    schön, dass ich auch hier wieder in Kontakt mit Deiner Kirchenmaus komme. Die Geschichte der Kirchenmaus, die ehemals im Pfarrbrief der Pfarrei Sankt Joachim stand, findet hier Fortführung und wie ich finde eine sehr Schöne. Ich hoffe, ich darf bald noch mehr über die Kirchenmaus lesen und erfahren, wie es ihr und ihren Mäusekollegen in ihrem neuen Zuhause so geht, und welche Abenteuer sie dort erleben. Sollten sie keine neuen Abenteuer erleben, denk Dir doch bitte einfach welche aus, damit ich was zum Lesen und zum Schmunzeln habe.

    Liebe Grüße

    Feli

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